Joachim Hüffmeier

„Wie bitte, denken Sie Herr Hüffmeier?“

FormA: In welchen Modi denken Sie als Wissenschaftler?

Hüffmeier: Ich glaube es gibt zwei verschiedene Modi und das würden sicherlich die meisten Sozialwissenschaftler unterschreiben. Der eine Modus besteht darin, dass man vom Tagesgeschehen inspiriert, etwas antrifft, einen vermeintlichen Zusammenhang erkennt und sich fragt, ist das ein wahrer Zusammenhang. Der andere Modus ist der des Denkens in theoretischen Modellen in dem Sinne, dass man schaut, ob die theoretischen Überlegungen der Wirklichkeit standhalten, die Wirklichkeit erklären und gegebenenfalls auch voraussagen können.

FormA: Sind diese Modi erlernbar oder benötigt man gewisse Anlagen, um den Anforderungen des Berufs „Wissenschaftler“ gerecht zu werden?

Hüffmeier: Wenn man keine Freude daran hat systematisch nachzudenken und den eigenen Gedanken nachzugehen, diese auf ihren Gehalt zu überprüfen, dann wird man in diesem Beruf nicht wirklich glücklich. Man braucht zumindest geringfügige Anlagen, die durch Sozialisation in den richtigen Strukturen aufgehen können. Es ist wichtig, dass man jemanden findet, der einem hilft in einer wissenschaftlich strukturkonformen Art und Weise zu denken. Die meisten bringen dieses Vermögen nicht von sich aus in voller Blüte mit und können das schon, wenn sie anfangen zu studieren oder zu promovieren. 

FormA: Was ist denn die Kernkompetenz, die man als Forscher erwerben sollte?

Hüffmeier: Was man lernen muss ist, auf die richtigen Fragen zu kommen. Den meisten ist nicht gegeben Fragen so zu formulieren, dass sie sinnvolle wissenschaftliche Fragestellungen ergeben. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Das reine Nachdenken über Dinge bringt einen nicht dahin, dass man in der Lage ist, untersuchbare, sinnvolle und möglicherweise auch interessante Fragestellungen zu entwickeln. Das ist eine ausgesprochene Kunst, die man nur beschränkt lernen kann. Wenn man dann aber eine Fragestellung gefunden hat, die den richtigen Zuschnitt in Bezug auf Größe, Untersuchbarkeit und Durchführbarkeit hat, erlebe ich das als extrem motivierend.

FormA: Wie gestaltete sich Ihr persönlicher Zugang zum Denken und worüber denkt Ihr Denken besonders gerne nach?

Hüffmeier: Bei mir war es so, dass ich die Dinge, die ich praktisch hätte machen können nicht wollte. Ich bin mit der Vorstellung gestartet, dass ich mal Therapeut werde und habe relativ schnell festgestellt: das ist nicht das, was ich will. Ich habe aber gemerkt, dass die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragestellungen, eigene Ideen und Konzepte zu entwickeln, die ich dann testen kann, etwas ist, das mich sehr motiviert. Diese Motivation und mein wissenschaftliches Interesse an psychologischen Fragestellungen versuche ich zu nutzen, um ein tiefes Verständnis davon zu erlangen, wie wir Menschen miteinander umgehen, wie wir den Umgang miteinander genießen können. Zu schauen, ob wir in dieser Art des Umgangs erfolgreich sind oder nicht, also insgesamt ein besseres Verständnis unserer Gegenwart zu erlangen –zugestanden mit und in kleinen Schritten

FormA: Hat sich das Verstehen durch die Zunahme ihres Wissens strukturell verändert?

Hüffmeier: Am Ende der Promotion habe ich einen Transformationsprozess meines Denkens festgestellt. Meine „Alltagsdenke“ hat sich zu einem wissenschaftlichen Herangehen an die Dinge gewandelt. Durch die Zunahme an Wissen und durch reichlich Übung fällt das Denken sukzessive leichter. Das Denken wird mit zunehmendem Wissen präziser. Die Fähigkeit sich sehr differenziert, sehr genau ausdrücken zu können, Fragestellung sehr gut abgrenzen zu können nimmt zu. Die Sprache wird feiner und subtiler. Diese Differenziertheit verlangt wissenschaftliches Arbeiten unbedingt, da dort der Teufel sitzt, der einen antreibt.

FormA: Wie reagiert ihre Umwelt auf diese Zugewinne an Trennschärfe?

Hüffmeier: Außerhalb der Wissenschaft wird diese Trennschärfe nicht immer goutiert, sondern häufig als Besserwisserei verstanden, während innerhalb des Systems Wissenschaft Differenzierungsvermögen und somit die Fähigkeit den Verästelungen des Wissens folgen zu können, als äußerst positiv bewertet wird. Außerhalb der wissenschaftlichen Kommunikation geht es vielmehr darum, die Feinstreifigkeit der Wissenschaft in etwas zu übersetzen, was „bolder", unschärfer, ungenauer aber dadurch alltagskompatibler ist.

FormA: Wen adressieren Sie mit Ihren Erkenntnissen?

Hüffmeier: Die Hoffnung geht so weit zu glauben, dass das Wissen, das man generiert, eine Wirkung auf andere und nicht nur auf sich selbst hat. Es geht also nicht nur darum Erkenntnis zu gewinnen, um die Dinge selbst klarer zu sehen, sondern in irgendeiner Art und Weise einen Impact, ein Art Wirkung im Außenfeld zu erzeugen.

FormA: Als Arbeits- und Organisationspsychologe forschen Sie viel zu Teamaspekten. Was macht den Reiz vom Arbeiten und Denken im Team aus, wann gelingt Kooperation?

Hüffmeier: Der Kern meiner Forschung zeigt, dass die Zusammenarbeit mit anderen als unheimlich stimulierend empfunden wird, wenn Menschen mit anderen Fähigkeiten, Ideen und Gedanken als man selbst miteinander kooperieren. Entscheidend für den Einzelnen in solchen Kooperationen, ist die Wahrnehmung, dass es auf ihn ankommt, dass ihm die Arbeit Spaß macht. Dazu muss er Verantwortung übernehmen können und die Teamarbeit so gestaltet sein, dass für jeden die Leistung des anderen transparent ist und als unverzichtbar erlebt wird. Hierfür muss die Zuteilung der Verantwortlichkeiten wiederum, den jeweiligen Fähigkeiten entsprechend organisiert werden. Jeder bringt seine Stärken ein. Ein negatives Beispiel wäre, eine Gruppe mit viel zu vielen Leuten zu beladen und überhaupt nicht klar ist, was leistet der Einzelne. Das ist die optimale Vorlage für den Einzelnen sich hängen zu lassen.

FormA: Wie anstrengungslos war Ihr Weg zum Denken?

Hüffmeier: Da darf man sich nichts vormachen. Das ist eine große Investition, die man zu leisten hat. Es braucht eine hohe Bereitschaft Zeit zu investieren, verbunden mit vielen Anstrengungen und die Bereitschaft auf vieles andere zu verzichten. Wir haben ein Wissenschaftssystem, in dem man auf Dauer nur bleiben kann, wenn man die Bereitschaft hat – zumindest anfangs, sehr hart und sehr viel zu abreiten und sich auch zu Dingen zu zwingen, die man aus dem Stand nicht gerne macht. Viel von unserem Tun ist Schreiben und so zu Schreiben, dass andere es für richtig halten, gerne lesen und positiv begutachten. Das hat auch was mit Qual zu tun. Bis man in unserem Wissenschaftssystem und unseren Breitengraden, überhaupt ermächtigt wird, selbstständig denken zu dürfen und auch noch dafür bezahlt wird, ist sehr viel harte Arbeit zu leisten. Und das würde Ihnen, glaube ich, jeder Wissenschaftler bestätigen.

FormA: Welches Kommunikationsumfeld benötigen Sie, wie wichtig ist für Sie die Anerkennung von außen?

Hüffmeier: Die Menge derer, die die eigene Arbeit als spannend empfindet, ist relativ gering. Wenn man also die Hauptbefriedigung aus dem positiven und unmittelbaren Verständnis und Interesse anderer bezieht, wird man als Wissenschaftler nicht glücklich. Man darf nicht vom positiven Feedback anderer leben wollen. In der Feinstreifigkeit, in der ich arbeite, suche ich immer nach Leuten, mit denen man ernsthaft und nicht produktionsgetrieben wissenschaftlich diskutieren kann. Menschen, die andere Ideen, anderes Wissen und andere Fähigkeiten haben.

FormA: Wie finden Sie den täglichen Einstieg ins Denken? Wo treffen Sie sich mit Ihrem Denken?

Hüffmeier: Wenn ich eine erste vage Ahnung habe, helfen mir zwei Dinge. Mit Menschen sprechen, mit denen ich mir vorstellen könnte, Dinge gut weiter zu entwickeln; das andere ist, sich aus allem für eine Stunde raus zu nehmen. Sei es spazieren zu gehen oder sei es das Büro so sicher vor Anrufen und Emails zu machen, dass man auf keinen Fall gestört werden kann. Gespräche zu führen fällt etwas leichter – vor allem wenn man weiß, wen man ansprechen kann, wer die entsprechende Expertise hat. Meine Frau ist auch vom Fach und immer entsprechend nah. Das macht es auch leichter.

FormA: Befördert Musik Ihr Denken?

Hüffmeier: Musik ist unheimlich wichtig für mich. Fast das Wichtigste. Ich habe immer alle Bürokollegen genervt, da bei mir immer Musik lief, oder ich selber musiziert habe. Musik löst Spannungen in meinem Denken in einer sehr positiven Art und Weise auf.

FormA: Kann man auch nicht denken? Oder muss man ununterbrochen denken?

Hüffmeier: Kognitives Verarbeiten braucht Ressourcen. Wir sind nicht ständig im Reflexionsmodus. Im Gegenteil. Größtenteils agieren wir automatisch, es laufen unbewusste Denkprozesse ab. Aber ich erlebe es als Vorzug, dass ich große Teile des Tages aktiv und reflexiv, kontrolliert denkend verbringen kann. Ich versuche das auch möglichst lang und häufig zu tun. Es gibt aber auch die Empfehlung aus meiner eigenen Disziplin der Arbeitspsychologie, dass man ununterbrochenes arbeitsbezogenes Denken im Sinne von optimaler Erholung eigentlich stoppen sollte. Es sollte also Techniken geben, die einem die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben erleichtern. Wir bezeichnen das als „Gedankenstopp“, der verhindert, dass die Gedanken, die zur Arbeit gehören, zu stark das Privatleben beeinflussen, dominieren oder belegen.

FormA: Kennen Sie das Phänomen, dass sich Fragestellungen nach einer Weile „wie von selbst lösen“?

Hüffmeier: Man bezeichnet das technisch als „Inkubationszeit“. Man hat eine erste vage Ahnung was eine neue Fragestellung sein könnte, oder wie man ein Problem lösen könnte und merkt, dass man trotz Anstrengung nicht zu einer Lösung vordringt. Das ist etwas, was man als Starrheit oder Unflexibilität bezeichnen würde. Dann arbeitet das Problem im Hinterkopf aber weiter, während man an ganz anderen Dingen arbeitet und man ist dann überrascht, dass einen Tag oder ein paar Stunden später die Problemlösung sich wie von selbst ergibt. Diese Erfahrung machen wahrscheinlich viele, die im Bereich der Wissenschaft arbeiten.

FormA: Gibt es manchmal auch Zweifel an den eigenen Denkleistungen?

Hüffmeier: Der Prozess in der Wissenschaft ist, wie wir sie betreiben so, dass es ständig Rückmeldungen gibt. Sie versuchen ein Manuskript zu veröffentlichen, sie bekommen Gutachten und diese Gutachten sind in der Regel freundlich im Ton, jedoch sehr hart und kritisch in der Sache. Und wenn man dann Bilanz zieht, tauchen immer Aspekte auf, die man nicht bedacht hat, aber hätte sehen können. Ich habe da sicherlich ein professionelles Selbstverständnis und traue mir die Sachen zu und denke, dass ich das auch gut kann, aber der Selbstzweifel, ob dieses Projekt ein Projekt ist, welches mich und die Wissenschaft weiterbringt und wirklich Substanz hat, der verschwindet nie.

FormA: Geben Sie uns doch bitte eine metaphorische Selbstbeschreibung Ihrer Rolle als Denker.

Hüffmeier: Ich würde mich als den intellektuellen Sparringspartner bezeichnen, der tatsächlich versucht, den anderen herauszufordern; ihn auch hart inhaltlich kritisiert und versucht durch ständige Störung nach vorne zu bringen. Ein Sparringspartner, der diese Störung in derselben Art und Weise – in dieser Art von „Boxkampf“ – als verbalen Schlagabtausch auch für sich wünscht. Natürlich in einer freundlichen und wertschätzenden Art. D.h., ich schlage dahin, wo es weh tut und wo derjenige sich in Zukunft schützen muss, verdeutliche die Löcher in seiner Deckung, aber nicht in dem Willen ihn wirklich zu treffen oder ihn zu schädigen, sondern um wirklich diese Art des intellektuellen Kampfes weiterzuentwickeln und denjenigen schlagfertig und schlagfähig zu machen. Ihn auch dazu befähige Schläge zu verkraften. Teil des Spaßes ist es natürlich, selber teilzunehmen und seine eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

FormA: Gibt es Ideologeme, die durch Ihre Arbeit zerstört wurden, oder Sachverhalte die durch Ihre Forschung eine neue Perspektive erhalten haben?

Hüffmeier: Vielleicht mache ich nicht die Art der Forschung, die so grundlegend ist, dass Ideologeme durch meine Arbeit zerstört werden. Die Aufgabe meiner wissenschaftlichen Tätigkeit besteht darin, die Rahmenbedingungen dafür zu erforschen, wie Menschen friedlicher, gedeihlicher, mit mehr Freude, erfolgreicher zusammenleben, miteinander arbeiten, interagieren. Generell nehme ich wahr, dass es einen Shift im wissenschaftlichen Menschenbild gibt, in die Richtung, dass wir Menschen doch wesentlich prosozialer, menschenfreundlicher, wesentlich altruistischer sind, als man lange Zeit in Disziplinen wie z.B. der BWL dachte. Selbst da setzt sich allmählich der Gedanke durch, dass dieses egoistisch rationale Menschenbild, welches sie lange gepflegt haben, so nicht haltbar ist und die Wirklichkeit nicht widerspiegelt.

FormA: Herr Hüffmeier, wir bedanken uns für das Gespräch

Redaktionell bearbeitet und ergänzt.

Biografie

Joachim Hüffmeier studierte Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der University of Dundee (Schottland), bevor er seine Promotionszeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Universität Trier sowie der Northwestern University in Evanston (Illinois, USA) verbrachte. Nach Abschluss der Promotion 2008 arbeitete er in der Arbeitseinheit Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität und habilitierte dort im Fach Psychologie. Seit 2015 ist er Professor für Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Technischen Universität Dortmund.

 

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